Dieses wunderbare Monument norddeutscher Backsteingotik ist nun, fünfzig Jahre nach seiner Zerstörung Ende April 1945, wieder zu einem weithin sichtbaren Wahrzeichen der Stadt geworden. Aber nicht nur das!

Als „die wohl schönste und aufregendste Konzertkirche Deutschlands“ gehört sie heute zu den – im wahrsten Sinne des Wortes – herausragenden Kulturstätten in Mecklenburg–Vorpommern. Bis hierher aber war es ein weiter, beschwerlicher Weg.

Für die ersten Jahre nach der Stadtgründung 1248 wird ein Vorgängerbau, eine Pfarrkirche aus Feldsteinen vermutet. Diese Kirche wurde über einen längeren Zeitraum hin in drei Bauabschnitten vergrößert und in Backstein ausgeführt. Als 1298 der Havelberger Bischof Johann die Weihe des Hauptaltars vornahm und sie dabei ihren Namen – Sankt Marien – erhielt, waren die ersten vier östlichen Joche errichtet. Von 1300 an folgten die fünf westlichen Joche, in einer dritten Bauphase dann die Westseite mit dem Turm. Das schöne Westportal war aber zu dieser Zeit schon vorhanden. Die lange Bauzeit und mancherlei Veränderungen im Bauablauf hinterließen an diesem Kirchenbau Stilelemente der Frühgotik bis zur Hochgotik. Ihr schönster Schmuck ist der, ein fast gleichseitiges Giebeldreieck bildende, gotische Ostgiebel mit dreiteiligem Maßwerk in den Fenstern. Weiter enthalten sind aufwändig gestaltete Ziergiebel und fünf Ziertürmchen, dessen mittleres als Glockentürmchen etwas größer und breiter ausgebaut wurde. Der gesamte Ziergiebel steht frei vor der Giebelfläche.

Die Marienkirche stand stets real, aber auch sinnbildlich inmitten des Lebens und Treibens zwischen den Toren der Stadt und ging mit ihr durch alle Höhen und Tiefen. Die Chronisten des 17. und das 18. Jahrhunderts berichteten von Zerstörung durch Blitzschlag, durch Kampfhandlungen bei der Eroberung der Stadt durch General Tilly (1631) und von Stadtbränden. Lange Zeit musste das Gotteshause an den dabei zugefügten Wunden tragen. Noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts fehlte dem Kirchturm die Spitze, das Gewölbe war abgetragen und durch einen Bretterboden ersetzt worden. 1832 veranlasste der Großherzog Georg von Mecklenburg–Strelitz (1779–1860) die Sanierung des Bauwerks. Er beauftragte seinen Oberbaurat Buttel (1796–1869) mit dieser verantwortungsvollen Aufgabe. Es dauerte fast zehn Jahre bis die Arbeit beendet und eine wunderbare, wieder gewölbte Kirche mit einem weit ins Land schauenden Turm auferstanden war. Buttel unternahm ein interessantes Experiment. Für die notwendigen Ergänzungen am Bauwerk und dessen Schmuck setzte er gelbe Ziegelsteine ein, so dass die unter seiner Leitung vorgenommenen Rekonstruktionen noch heute gut zu erkennen sind.

1945 fiel wieder alles in Schutt und Asche. Der Turm brannte aus, die Glocken stürzten ab, vom großen Kirchenschiff blieben nur die Außenmauern erhalten. Die Sankt Johanniskirche übernahm nun die Funktion der Stadtkirche. Im Jahr 1975 wurde zwischen der Kirchenleitung und der Stadt ein Vertrag geschlossen, der den Umbau der Marienkirche zur Konzerthalle und Kunstgalerie vorsah. In Dachbereich sollte die 1982 wiedererstandene Kunstsammlung Neubrandenburgs ihr endgültiges Domizil erhalten. Die Aufbauarbeiten gingen nur schleppend voran. Ein Dach wurde aufgesetzt. 1982 erhielt der sanierte Turm eine neue kupferne Spitze. Nach 1990 setzte eine kontroverse Diskussion um den weiteren Bauverlauf ein.

1996 wurde das Nutzungskonzept aus finanziellen Gründen geändert. Es sollte ein moderner Konzertsaal im alten Gemäuer entstehen. Den internationalen Wettbewerb gewann der finnische Architekt Prof. Pekka Salminen (geb. 1937). Sein Entwurf wurde unter großer Anteilnahme der Neubrandenburger und der Musikfreunde der Region verwirklicht. Ausverkaufte „Baustellenkonzerte“ der Neubrandenburger Philharmonie begleiteten das Baugeschehen. Am 13. Juli 2001 fand das festliche Eröffnungskonzert statt. Inzwischen rühmten hochkarätige Künstler und Ensembles des In– und Auslandes die ungewöhnliche Architektur des Hauses, die hervorragende Akustik, den eigentlichen „Hausherren“, die Neubrandenburger Philharmonie, und das sachkundige, begeisterungsfähige Musikpublikum.

Seit Sommer 2003 beherbergt der Turm der Marienkirche eine sehenswerte Ausstellung zur Geschichte der Backsteingotik in Norddeutschland und zu ihren wertvollsten Bauwerken in der Neubrandenburger Region. 

Dr. Ernst Boll in der Marienkirche (Video)